Reload the Apparatus

AIL - angewandte innovation laboratory

Franz Josefs Kai 3, 1010 Wien

 

Ausstellungsdauer: 6/10–24/10/18

 

Öffnungszeiten:

Mo, Di, Do, Fr 12:00 bis 17:00 Uhr

Mi 12:00 bis 20:00 Uhr

 

17/10/18, 13h

Kuratorenführung durch die Ausstellung

 

 

 

 

Parallel zu einem allgemeinen „Analog-Hype“ häufen sich künst-lerische Arbeiten, die Aspekte des fotografischen oder kinematischen Dispositivs reflektieren – dies oft unter Verwendung obsoleter Prozesse und Apparate. Sie stehen damit in der Tradition einer medienreflexiven Kunstpraxis und vor der Tatsache, dass die digitale Technik die analoge in den meisten Anwendungsgebieten abgelöst hat. Wenn Fotografien nicht mehr Papierbilder sind, die man in der Hand hält, sondern JPEGs in der Cloud, bekommt der manuelle Umgang mit den Medien und ihren Werkzeugen bzw. die physische Beziehung zwischen Kamera und Künstler_innen eine neue Bedeutung. Ausgehend vom künstlerischen Forschungsprojekt „RESET THE APPARATUS!” (Edgar Lissel/Gabriele Jutz/Nina Jukić) interpretieren 18 Absolvent_innen und Studierende der Klasse Foto-grafie/Gabriele Rothemann diese Thematik aus der Sicht digitaler Natives.

 

 

 

 

 

EIKON #103

Caroline Heider: Fotografie zum Zeitvertreib

Präzise ausgeführte, sachliche Aufnahmen von Utensilien aus dem engeren fotografischen und filmischen Zusammenhang, dazu ein Titel mit historischem Bezug sowie politisch unkorrekte Untertitel wie „Inder“ oder „Neger“ machen neugierig, welches Feld Caroline Heider mit ihrer neuesten Serie erschließt. Ihre Motive sind Hilfsmittel (improvisierte genauso wie aufwändig industriell gefertigte Werkzeuge), die alle Arten von Lichtmanipulation noch am Set ermöglichen –  Glasfilter, Farbfolien, aber auch digital anwendbare Effekte, mit welchen man in der Postproduktion eine analoge Herkunft simulieren kann, oder Stative mit ausladenden Extensions-Armen –, sie interessieren die Künstlerin als ästhetische und „geheimnisvolle“ Motive ebenso wie als medienreflexive, konzeptuelle Notizen zum fotografischen Handwerk. Ihre Fragestellungen sind dabei auf das fotografische Bild als ein konstruiertes Bild gerichtet, das bereits im Vorfeld genau kalkuliert ist und im Nachhinein seine endgültige Fassung bekommt... RH

 

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Katharina Gruzei: Auf der Bühne des Alltags

 

„Alles, was um den Bildausschnitt herum war, kann man nicht mehr vergessen“, bemerkt Katharina Gruzei lapidar, während wir über die fertige Fotoserie Bodies of Work sprechen. Die Monate, die sich die Künstlerin zwischen September 2016 und Mai 2018 frei in den Montage- und Schiffshallen der ÖSWAG Werft und Maschinenbau in Linz bewegen konnte, haben bei ihr starke Eindrücke hinterlassen: die nebelverhangene Donau draußen, die imposanten Industriehallen drinnen, die unmittelbare Nähe zu den Monteuren und ihren Werkstücken, das Gefühl, gleichzeitig Eindringling und willkommen zu sein. [...]

Katharina Gruzeis Nahaufnahmen der „arbeitenden Körper“ üben eine Sogwirkung auf uns aus, der wir uns kaum entziehen können, allem voran die Monumentalisierung dieser Körper, die aus einem oft unscharfen Hintergrund hervortreten, und die satten, tiefen Farben, die wegen der verschieden temperierten Lichtquellen nie zu nüchtern, sondern immer stimmungsvoll sind.

Die nahezu intimen Bilder von Arbeit lassen sich auf die Zweisamkeit von Monteur und Werkstück ein, auf das geübte Zusammenspiel zwischen Mensch und Maschine. Im Vergleich zum überdimensionalen Volumen der Hallen und der Schiffe, die in ihnen gefertigt werden, wählt Gruzei für die Darstellung der Arbeit kleine Raumausschnitte, fokussiert auf die Interaktion von Mann und Werkstück, zeigt deren Miteinander und macht deutlich, wie sich mit der Kraft des Einzelnen bzw. aus Halbfabrikaten in der Verarbeitungskette ein großes Ganzes zusammensetzen lässt. In diesen Fotos spürt man die Kraft vorweggenommen, mit der das Schiff einmal Hunderte Passagiere befördern wird. [...]

RH

 

Lesen Sie weiter in Katharina Gruzei: Bodies of Work, Fotohof edition 2018

 

Katharina Gruzei: Bodies of Work, 2018

 

Texte von Katharina Gruzei, Ruth Horak, Brigitte Reutner und Sarah Sander

Deutsch / Englisch, 224 Seiten, 140 Farbabbildungen

Fotohof edition, Bd. 264  / € 34

Andrea van der Straeten im Splace am Hauptplatz, Linz

Andrea van der Straeten

 

Sie flirtet gern mit dem Unkonventionellen, dem Subversiven und Experimentellen, sie verkauft unanständige Wörter, diskutiert die Vorrangstellung zwischen Kunstwerk und Künstler und macht damit ein breites Bezugsnetz auf, das von feministischen Autorinnen über die erstaunliche Vielfalt von Schimpfworten und Flüchen bis zur politischen Rede reicht. Sie ließ männliche Künstlerkollegen Gemüse schnitzen und dabei über Kinder und Karrieren diskutieren (Du meine Rettichblume, 1997), inszenierte aufwändig die Nicht-Entstehung eines fiktiven Filmes (Haus der Kälte 1998), oder verbreitete in Montagen von politischen Aussagen heimliche Nachrichten (Kassiber 02): Verhaltet euch ruhig und spart schneller, hieß es auf einem der offiziellen Plakaten des steirischen herbstes 2002, der das Thema Fremdkörper der ersten blau-schwarzen Regierung zugeworfen hatte. Ein aktuelles Update solcher Politiker-Phrasen in türkis-schwarz oder rot lädt zum Räsonieren ein: Werte, Generationen, Sicherheit, Stabilität waren es dort, Ordnungsprinzip und Sparmodelle sind es da. Politischer Populismus oder Immobilienspekulationen sind wiederkehrende Themen, es muss bei van der Straeten aber nicht immer (politisch) korrekt zugehen, es darf auch anstößig – Kill all artists – und natürlich humorvoll oder polemisch sein, chaotisch oder merk.würdig, aber vor allem muss es großzügig bleiben. Andrea van der Straeten sieht Sprache als Material, das sich formen und visualisieren lässt, das Doppelbedeutungen (noch – still), Bedeutungsdrehungen (lauter flüstern), gewandte und abgewandte Assoziationen oder überraschende Wortfolgen zulässt, und van der Straetens Aufstand gegen das aufgeräumte Denken unterstützen kann.

RH

Isabelle Le Minh, Objetiv, after Bernd & Hilla Becher, 2015

Isabelle Le Minh: The shadows will take care of themselves

Ein fotografisches Tableau konnte manchen Besucher der Vienna Contemporary 2016 in die Irre führen: Auf ersten Blick eindeutig von Bernd und Hilla Becher –  eine typologische Reihung architektonisch anmutender Objekte, formal in Becher ’scher Manier und mit derselben Präzision ausgeführt – erwiesen sich die turmartigen Objekte als Werk der deutsch-französischen Künstlerin Isabelle Le Minh und waren auch keine Zeugnisse der Industriebaugeschichte, sondern historische Objektive für Fotoapparate, die auf ihre Art Denkmäler einer europäischen Ingenieurgeschichte sind. „Inventé par Charles-Chevalier“ ist auf einem der metallenen Zylinder etwa zu lesen und ist - gemäß Roland Barthes - mit seinem französischen Klang eine linguistische Nachricht, die daran erinnert, dass die Fotografie in Frankreich erfunden wurde. Die Gebrauchsspuren an den Objektiven bzw. ihr Design verweisen auf deren mittlerweile musealen Status, ihre vielgestaltige Schönheit und die technische Vollendung der Objektive.

Dieses zur Serie „After Photography“ gehörende Werk kann stellvertretend für Le Minhs konsequenten künstlerisch-intellektuellen Umgang mit dem Medium Fotografie gesehen werden. Seit den 2000er Jahren thematisiert sie die Fotografie, ihre Apparate, Werkzeuge und Protagonisten, ihrer Rhetorik, ihrer gesellschaftliche Verbreitung und Überlieferungen, sowie die wechselnden Grundsätze hinsichtlich Posen und Komposition. Sie verknüpft die Fotografie als gesellschaftliches Phänomen mit der Fotografie als theoretische und wissenschaftliche Herausforderung und breitet eine individuelle Fotogeschichte vor uns aus. Ihre Hommagen an ikonische Bilder sind subtil und scharfsinnig, persiflieren die Vorbilder, betonen ihre Materialität und rücken sie in einen zeitgemäßen Kontext. [...]

RH

 

Lesen Sie weiter in EIKON #102

 

 

Astrid Wagner: misstevstehen

 

Lautstark haben die Typen auf der Walze aufgeschlagen und ihre Zeichen aufs Papier gehauen. Man spürt auf der Rückseite, wie sie sich ins Papier gegraben haben. Gleichzeitig frisst sich die schwarze Farbe in die Oberfläche des Blattes, sodass die feinen Linien im weichen Bett ausfransen müssen. Unter dem plötzlichen Druck der Metalllettern verschiebt sich das schwarze Farbband und füllt teils auch die Punzen, jene von kurvigen Linien umschlossenen Flächen, die eigentlich weiß bleiben sollten. „Lieber Paul“, heißt es zu Beginn des Briefes, der jedoch nie an ihn abgesandt wurde.

Die Buchstaben laufen anfänglich in der richtigen Ordnung, sodass die LeserInnen verführt sind, zu lesen, dem Inhalt der Sätze zu folgen um den Anlass des Briefes zu begreifen: „Das Erbärmliche, das von außen kommt – es ist zwar vergiftend, aber es ist zu überstehen, es muss zu überstehen sein.“ Ingeborg Bachmann schreibt am 27. September 1961 gegen Paul Celans Verzweiflung an, versucht ihn zu bestärken, mit Souveränität dem „Klatsch, der Verleumdung und Kritik“[1], die ihn zunehmend in die Enge trieben, zu begegnen.

„… weil ich die anonymen und andren Papierfetzen wegwerfe, weil ich glaube, dass ich stärker bin als diese Fetzen, und ich will, dass du stärker bist, als diese Fetzen, die nichts, nichts besagen. […] Du willst das Opfer sein, aber es liegt an Dir, es nicht zu sein.“

Dann jedoch beginnt die Emotionalität der Autorin vor den Text zu treten: verdrehte Buchstaben, Überschreibungen, Auslassungen, AusXungen u.a. Spuren der Erregtheit graben sich tiefer ins Papier, reißen es auf. Die Aufmerksamkeit des Lesers verschiebt sich vom Verstehen der Worte und der Informationen, die sie transportieren, hin zu einer Anteilnahme bzw. Neugierde, in welcher Verfassung Autorin und Adressat sich befunden haben mögen. [...]

RH


[1] Plagiatsvorwürde veranlassten Paul Celan, sich zwischen 1960 und 1962 von der Mehrzahl seiner Freunde und weitgehend aus der Öffentlichkeit zurückzuziehen [https://www.cicero.de/kultur/ausloeschung-auf-raten/47087]

 

 

Astrid Wagner, Un sagbares, 2018

CURATOR’S DESKTOP

Jede Ausstellung beginnt mit einem vollen Schreibtisch. Überall liegen und stehen Bücher, Texte und Fotos von meinen „objects of desire“, die ästhetisch und inhaltlich ungewöhnliche Bildansätze verfolgen und motivisch oft mit dem Alltag der Fotografie flirten. Die Künstler_innen greifen obsolete Materialien auf oder bauen Apparate (um), sie arbeiten mit inversen oder Sofortbild-Prozessen und belichten analog und digital, technisches Bild trifft auf künstlerisches Konzept, darkroom auf lightroom:

Glühbirnen, Objektive, Entwicklerschalen, Lichtschutzsäcke, Polaroid-Chemie, amorphe Formen, Doubletten und Projektile, fragile Oberflächen, bewegte Bilder, Transparenz und Täuschung, Negativ und Fotogramm. 

RH

 

ANZENBERGERGALLERY

Brotfabrik, Absberggasse 17, 1100 Wien

(U1 Reumannplatz oder Straßenbahnlinie 6 Absberggasse)

 

 25. Mai bis 4. August 2018

 

 

KünstlerInnenMarkus Burgstaller / John Cyr / Matthias Herrmann / Tamara Horakova + Ewald Maurer / Michael Huey / Krüger & Pardeller / Claudia Rohrauer / Hessam Samavatian / Gregor Schmoll / Sophie / Thun / Irene Topcic / Michael Vorfeld / Anita Witek ----- Kuratorin: Ruth Horak

Curator's Desktop (links) mit Werken der Ausstellung
Curator's desktop (rechts) mit Werken der Ausstellung
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© Ruth Horak