Neulich im Labor

 

F. ist Betreiber des letzten Fotolabors für analoge Entwicklungen in Wien. Die anderen haben auf digitale Printverfahren umgerüstet. Das Equipment der privaten Dunkelkammern ist auf den Dachböden verstaut oder an Sammler historischer Nippes verkauft. Fotos sind nicht mehr Fotografien, sondern gepostete JPEGS, sie liegen jedenfalls in der Cloud, nicht in der Hand.

 

Es ist 18 Uhr. Das Schild an der Tür sagt „geschlossen“. F. sortiert die Ersatzteile, die er letzten Samstag am Flohmarkt erstanden hat. Er sucht eine Gegenschraube für sein Stativ.

 

 

 

 

Die 18 Szenen, die folgen, sind eine Hommage an das Fotolabor, an jenen Ort, an dem die Fotografie ihre endgültige Form bekommt, an dem Idealismus auf Realität trifft, Künstler auf Dienstleister. Die Protagonisten sind die Maschinen und ihre Operateure, die Bildbearbeiter und Kaschierer, die Fotografen, Amateure wie KünstlerInnen; die Requisiten sind die Entwicklermaschinen, die Papierrollen und Chemiekanister, die Lichtschleusen und Teststreifen, die Scanner und Retouchierfarben; die Geschichte ist eine kleine Sozialgeschichte über einen Ort, an dem die Fotografie manifest wird, eine Geschichte über Gerüche, Geräusche und Haptisches in einer Sprache, die dem unmittelbaren Umgang mit der Fotografie im Labor entlehnt ist.

Mit Fotografien, Zeichnungen und Texten von Claudia Rohrauer und Ruth Horak. Zur Ausstellung erscheint eine Publikation.

 

„Ei far got of“ [1], murmelt F. ungeduldig vor sich hin und bemerkt nicht, dass Pascal mit einer großen Schachtel bei der Tür hereingekommen war…

 

[1] Tamara Horakova: Lesen Sie einmal Fotografie von hinten…

 

 

Claudia Rohrauer, Requisit 01 - Trommel, 2016

 

 

 

Publikation + Ausstellung bei Steinbrener, Dempf und Huber, Eröffnung: 31.10.2016, 19h

 

 

Fotogalerie Wien: Licht II - Lichträume, bis 1. Oktober 2016

Ewald Maurer, Like Hornets to the Flame, 2015, C-Print, 63 x 295 cm

Lichträume

 

Im zweiten Teil der Trilogie Licht liegt der Fokus auf den Lichträumen. Ähnlich wie Gilles Deleuze es für die Bewegung im filmischen Bildfeld beschrieben hat, sind die Lichträume „Auffangvorrichtungen“, in welchen das Licht nicht nur frei agieren und sich entfalten kann, sondern auch Begrenzung und Halt findet. Sichtbar werden die Lichträume, wenn Materialien auf das Licht reagieren, Schatten wandern, wenn das Licht von schmalen Lichthöfe eingeengt oder von Spiegeln unendlich fortgesetzt wird, wenn dichter Rauch das Licht streut oder Insekten das Licht durch den Raum tragen. Künstliche Lichtquellen erzeugen dabei überschaubare, lokale Sichtfelder, während das weitschweifende natürliche Licht von architektonischen Räumen eingefangen wird. In den installativen Beiträgen wird auch der Ausstellungsraum als ein weiterer, über den Bildraum der Fotografie hinausreichender Lichtraum mit einbezogen.

 

 

 

 

 

 

 

AKOS CZIGANY (HU), ALEK KAWKA (DE/AT), BRIGITTE KOWANZ (AT), EWALD MAURER (AT), ANDREAS MÜLLER (AT), NINA SCHUIKI (AT) & HELEN ZERU ARAYA (ET), GEROLD TAGWERKER (AT)

 

 

Werkschau MARIA HAHNENKAMP, Fotogalerie Wien

Maria Hahnenkamp, O.T. (aus der Serie „Kleid“), 5-teilig, 2010, Pigment-print auf Hahnemühle-Barytpapier, 83 x 108 cm

Maybe I should spend hours and dollars on perfecting myself so you will like me…

 

Maria Hahnenkamp ist eine der wichtigsten Künstlerinnen der zweiten feministischen Generation in Österreich. In ihren überwiegend fotografischen Arbeiten treibt sie eine kritische Auseinandersetzung mit dem Status des weiblichen Körpers in unserer Gesellschaft voran.  Anders als  ihre Vorgängerinnen, bringt sie nicht mehr den eigenen Körper in performativ-prekäre Lagen, sondern analysiert den medialen Umgang mit dem weiblichen Körper per se bzw. die psychologischen Auswirkung auf Mädchen und Frauen, die sich permanent mit jenen zurecht gerichteten, idealisierten Körpern in den Medien konfrontiert sehen. Hahnenkamp sucht auf einer zugleich ästhetisch-sinnlichen und intellektuellen Ebene nach einer Manifestation dieses komplexen Macht- und Unterwerfungs-Systems.

 

 

Jahrhundertlang wurden Frauen von Männern dargestellt:  Beim Lesen, beim Arbeiten, als Ehefrauen, stillende Mütter, Kurtisanen oder Gesellschaftsdamen. Der weibliche Akt war meist hinter dem Vorwand der Allegorie oder Themen aus den Mythologien versteckt. Im frühen 20. Jh. tauchten die ersten Selbstporträts von Frauen als Akt auf, ab den 1960er Jahre reklamierten Künstlerinnen schließlich, dass Frauen die Kontrolle übernehmen sollten, wie ihre Körper dargestellt werden – und zwar nicht mehr nur als junger, verführerischer Körper, sondern auch als schwangerer, leidender oder kranker Körper.

 

Die ausschließlich schönen weiblichen Körper in Hahnenkamps Typologien geben den Anstoß für eine kritische Auseinandersetzung mit dem Platz, den die Frau – zu oft auf ihre Körperlichkeit reduziert - in der Geschlechter-Hierarchie einnimmt. Von der Macht der Bilder bewegt hat Hahnenkamp Frauendarstellungen aus Büchern, Werbesendungen, Mode- und Pornomagazinen gesammelt, ihre Konturen, Haltungen und Blicke verglichen, durch die Reproduktion fragmentiert und sie anschließend miteinander konfrontiert. So sind Bildketten entstanden, die den Körper weitgehend von seiner erotischen Konnotation entpflichten, weil sie auf „leere“ Hautpartien fokussieren (Diaprojektion 5a); andere Arbeiten aus diesem Werkkomplex erzählen vom Bildvokabular einer einzelnen Ausgabe des Modemagazins Vogue, analysieren den Gesichtsausdruck im pornografischen und im verführerischen Bild der Modeindustrie oder vergleichen die Form der klaffenden Wunde Christi mit der Form einer Monstranz und jener der Vagina (Diaprojektion 1). Das breite Anschauungsmaterial repräsentiert durchwegs den männlichen Blick auf den weiblichen Körper und vergegenwärtigt die einseitige Sichtweise auf ihn.

 

Eine frühe Arbeit Hahnenkamps scheint aus heutiger Sicht wie eine Vision dieser Eruption der Entwicklungen. 1992 hat sie hunderte Fotos einer Frau bei der Schönheitspflege aufgenommen. Aber nichts davon ist in Hahnenkamps Fotografien zu sehen. In einem radikalen Akt eliminierte die Künstlerin sämtlichen Inhalt, zuerst grob per Bohrmaschine mit Schleifaufsatz, dann per Hand fein nachgeschliffen und schließlich zusammengenäht. Die „typisch weiblichen“ Interessen waren damit unwiderruflich gelöscht.

 

[...]

 

lesen Sie weiter in:

 

 

 

 

WERKSCHAU XXI – MARIA HAHNENKAMP

A4, 40 Seiten, Farbabbildungen, dt./engl.

Texte: Ruth Horak


Herausgeber: Fotogalerie Wien
ISBN 978-3-902725-41-7

     

 

Ulrike Hannemann

Unbelichtetes Fotopapier clown trigger fish, Fuji Crystal Arcive DPII, cutting mat, 2016, Pigmentdruck gerahmt, 45x34 cm category unavailable, Kodak Professional Supra endura, cutting mat, 2016, Pigmentdruck gerahmt, 45x34 cm Lagocephalus laevigatus, Kodak Professional Ultra endura, cutting mat, 2016, Pigmentdruck gerahmt, 45x34 cm

 

 

Monochromie mit Motiv

Zur Serie drift von Ulrike Hannemann

 

Was wäre die Kunst ohne das Rechteck? Ohne das Bildfeld, das Blatt Papier, die Leinwand, den Rahmen, die fotografische Reproduktion, den Bildschirm und den Katalog, auf dem die reproduzierten Rechtecke erscheinen? Sechs Rechtecke hat Ulrike Hannemann für das Cover dieses Kataloges übereinander geschoben und angeheftet. Synonyme für Bilder? 1922 wurde das Rechteck vom Deutschen Institut für Normung (DIN) standardisiert.

 

Ulrike Hannemann besitzt ein Papierarchiv. Seit ihrer Schulzeit sammelt sie Papiere unterschiedlicher Texturen und Grammaturen, mit und ohne Muster. Im süd-ost-asiatischen Raum sind die Papiere mit auffälligeren Motiven bedruckt als in Europa. Aber vor allem sammelt sie Farben: Jedes der einfarbigen Blätter für sich genommen ist eine Monochromie, mit leichten Abweichungen, wie verblassten Rändern, dort, wo sie dem Licht ausgesetzt waren, weil sie schon Jahre bei jemandem gelegen sind. Die Farben der unbelichteten Farbfotopapiere variieren mit den Herstellern. Egal ob die Papiere nach der Größe gestaffelt sind oder wie zufällig übereinander gelegt, ein Merkmal des Rechtecks schiebt sich dabei immer wieder in den Vordergrund: die Kante. Parallele, schräge, weiche, harte, symmetrische, perspektivisch zusammenlaufende, schwebende Kanten – und auch die all-over-gemusterten Blätter enden abrupt an den Kanten, selbst wenn sie das Format der Fotografie füllen. Frank Stella hatte mit „Shaped Canvases“ versucht, dem Rechteck zu entkommen. Neben dem Spiel mit der Wiederholung findet bei Ulrike Hannemann ein mehrschichtiges Spiel mit dem Verdecken statt. An den überstehenden Rändern der einzelnen Bildebenen wird sichtbar, dass Wasser unter die Fische gelegt wurde, Post-its lassen erkennen, dass es sich um ein (Notiz)Buch handelt, und die karierte Schneidematte verrät, dass etwas geschnitten wurde – eine rechteckige Öffnung, hinter der sich wiederum ein Fisch tummelt.

[...]

 

 

Juliana Herrero, Text auf Leintüchern, 2012, 150 cm x 260 cm

Notensatz

Der Text als Material in den Arbeiten von Juliana Herrero

 

Handschrift ist das Medium für schnelle Ideen und Tagebücher, Schul- und Hausübungen, To-do- und Einkaufslisten, manchmal bringt sie noch einen Brief hervor, gibt sich dann möglichst leserlich, meistens ist sie jedoch schnell hin gekritzelt und verweist auf etwas, das erinnert werden will. Sie ist das Medium gegen das Vergessen.

 

ERSTE

Julianas Handschrift gibt es in drei Varianten: die schnell hin gekritzelte Tagebuch-Handschrift, die uneinheitlich die Seiten füllen, mit verschiedenen Stiften geschrieben, meistens schwarz, Falsches korrigiert oder weggestrichen, Wichtiges eingekreist, dazwischen Post-its und Zeitungsausschnitte, letztere sprechen eine ganz andere Sprache. Die handschriftlich verfassten Einträge handeln von Julianas persönlichem Alltags: Deutschvokabel, manchmal von kleinen Zeichnungen begleitet, Deklinationen, aufgeschnappte Redewendungen in der für Juliana neuen Sprache, Artikel über die für Juliana neue Stadt Wien, um sich im Alltag schneller orientieren zu können,  Namen von Speisen, Ausstellungsbesuche, Telefonnummern und Termine – das fragmentarische Textmaterial läuft parallel zum Leben der Künstlerin. "Eine Sprache zu lernen heißt doch, zu lernen, etwas mit Wörtern zu tun", sagt Long. [...]

 

Man schreibt Frühstück mit Stümmen H.

Noch einmal komprimiert werden dann zwölf der zwanzig Texte in „Lektionen“ auf große Leintücher übertragen. Diesmal erscheinen sie in tadelloser Druckschrift, obwohl immer noch mit der Hand geschrieben, eine Art „Reinzeichnung“, und sind anschließend wie großformatige Zeitungen zu einem handlichen Format zusammengelegt. Wie beim Spracherwerb findet eine Art Vertiefung statt, Herreros Aufzeichnungen werden zunehmend „kultivierter“.  Die ursprünglichen Tagebuchtexte wurden in ein stabiles Schriftbild übertragen.

 

[...]

 

 

Juliana Herrero, Text auf Leintüchern, 2012, 150 cm x 260 cm
Druckversion Druckversion | Sitemap
© Ruth Horak