Ist es Ihnen gleich aufgefallen? Jemand hat den Dreck unterm Bild nicht aufgekehrt.

 

Wahrscheinlich derselbe, der zuvor ein Loch in der Wand gebohrt hat, um das Bild aufzuhängen. Er hatte sicher keinen Bartwisch zur Hand. Oder brauchen wir den Bohrstaub, um die Fotografie zu verstehen?

 

Das Arrangement aus Heizkörper, Fauteuil, Zeitschriftenständer, Bild und Teppich, das auf der Fotografie zu sehen ist, schlägt vor, dass es sich um ein Wohnzimmer handelt, zumindest vorübergehend, vielleicht erst kürzlich bezogen, wie der Bohrstaub vermuten lässt. Außerdem ist da ein großes französisches Fenster. Es lässt ausreichend Licht herein, da es keine Vorhänge besitzt und über das gegenüberliegende Haus hinwegsieht. Der verkleidete Träger in der Raumecke ist Teil eines Eisenbetonskelettbaus von 1932 und bestätigt die Höhe des Hauses, aus welchem die Fotografie stammt: aus dem ersten Hochhaus Wiens in der Herrengasse 6-8. Die Wohnung 48 in der 9. Etage war eine von 104 „Ledigenwohnungen“ von deren Gipsdielenwand zur Nachbarwohnung der helle Bohrstaub stammt.

 

Mit dem Häufchen Bohrstaub unter dem Bild haben uns Pascal Petignat und Martin Scholz eine Spur gelegt. Folgen wir ihr, führt sie uns am Bilderhaken bzw. Dübel vorbei zum Akt des Bohrens, von dort zurück zur Wahl der geeigneten Bildhöhe (188 cm vom Boden) und Distanz zum Fauteuil, zurück zum Auspacken des Bildes aus der Luftpolsterfolie, seiner Anlieferung, zurück zu den Leihmodalitäten für das Lot Nr. 1208, zurück zur Entscheidung für eben dieses eine Bild unter vielen, usf. Der Bohrstaub irritiert also nicht nur, weil er im sonst aufgeräumten Ambiente fehl am Platz scheint, sondern hält die temporäre Dynamik in Gang, die das gesamte Projekt „Bild im Hochhaus“ auszeichnet.

 

 

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Er scheint im Moment überaus gegenwärtig, bestätigt, dass gerade eben erst jemand dagewesen und nur kurz aus dem Bild getreten ist, vielleicht um den Bartwisch zu holen, auf jeden Fall gleich wieder zurück sein wird. Der Bohrstaub hat also sowohl eine zeitliche als auch eine indexikalische Dimension. Außerdem drängt er sich nahezu unverschämt vor die anderen Motive! Ich höre Roland Barthes aus dem Zeitschriftenständer rufen: „Bien sur! C’est le punctum dans l‘image!“ In der französischen Ausgabe von Barthes‘ „Die helle Kammer“ sind auf den Seiten 69ff die entsprechenden Stellen über den von Barthes geprägten Begriff punctum nachzulesen. In der deutschen Übersetzung heißt es: „[…] das Element schießt wie ein Pfeil aus seinem Zusammenhang hervor, um mich zu durchbohren.[1] […] es ist jenes Zufällige, das mich besticht […]“[2] und weiter hinten: „das punctum kann auch schlecht erzogen sein“[3] …. „es verfügt über eine expansive Kraft“ […], kann „die ganze Photographie einnehmen und dabei doch ein ‚Detail‘ bleiben“[4].

 

Der junge Mann im Bild beschwert sich bei Barthes, dass die Aufmerksamkeit eigentlich ihm gebühre, und nicht dem Bohrstaub. Er repräsentiere schließlich eine handwerkliche und ikonografische Leistung, wenn auch sein Autor nicht namentlich bekannt sei, sondern nur als „Schule von Posillipo“. Attribute wie die Schriftrolle der Militärakademie in Neapel oder die Anspielung auf den Volksaufstand in Italien 1647, kurz, das studium des Bildes seien einmalig. Außerdem sei das Gemälde Exponent eines aussterbenden Genres, nachdem das Porträtieren kurz darauf von der neuen Erfindung Fotografie übernommen würde, wie man bei Gernsheim[5] nachlesen kann, der im Zeitschriftenständer Roland Barthes den Rücken stärkt.

 

 

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Er, der aktuell vom Gemälde ins Wohnzimmer des Hochhauses blickt, also gut 185 Jahre in die Zukunft, habe sogar schon den Kopf auf seiner Hand aufgestützt, wie das - so habe er gehört - bei den langen Belichtungszeiten in der frühen Fotografie günstig sei. Zudem sei das Gemälde nicht nur ein individuelles Porträt seiner Person, sondern Kopfbedeckung und Fischertracht stellen doch eine klare Verbindung zum Freiheitskämpfer und italienischen Volkshelden Masaniello her. Außerdem ginge es den beiden Künstlern petignat und scholz schließlich um die Frage, was passiere, wenn hier, in diesem architekturhistorischen Ambiente von 1932 2016 ein Bild hängt, das in eine andere Welt führe, die sowohl anders sei, als die Welt, in der das Hochhaus entworfen und gebaut wurde, als auch die zukünftige Welt, und es ginge wohl nicht um ein Häufchen Bohrstaub, das bestenfalls einen Mangel an Sorgfalt bedeute, und - zugegebenerweise -  den kurzen Aufenthalt des Bildes an diesem Platze beschreibe, aber doch nicht ihm, Haymo Estaper, den Rang strittig machen könne!

 

Barthes wirft ein, dass der Bohrstaub im Unterschied zum Gemälde indexikalisch sei. Er verweise nicht nur auf etwas Abwesendes, sondern sei tatsächlich dessen Spur, eine unmittelbare Bestätigung, dass hier jemand gebohrt habe – ähnlich wie es für jede analoge Fotografie gelte, dass die fotografierte Sache mit Sicherheit vor dem Objektiv war, und seine Lichtstrahlen den fotografischen Film veränderten. Ein Gemälde hingegen sei ein Ikon und könne als solches dem Porträtierten nur ähnlich sehen. Herr Estaper habe doch sicher die Erfindung der Fotografie mitverfolgt und müsse um deren Wirkung Bescheid wissen!

 

***

 

Vergleicht man die Fotografie von petignat und scholz mit einer historischen Innenaufnahme aus dem Hochhaus, fällt auf, dass in der älteren Fotografie die Einrichtungsgegenstände sowie ein Gemälde von Alfons Walde allesamt aus der Zeit um 1930er stammen, also Zeitgenossen der Architektur sind. Bei petignat und scholz treffen hingegen verschieden Jahrhunderte, Interessen (Architektur, Fotografie, Politik), Sprachen (französische und deutsche Literatur, italienische Schriftrolle) und autobiografische Elemente (man beachte etwa die verkleideten Füße des Lehnstuhls) zusammen, als sollte der gewissen Arroganz eines solchen modernistischen Gebäudes, das am liebsten nur Seinesgleichen um sich scharen würde, mit einer unprätentiösen Heterogenität begegnet werden.

 

 

 

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Übrigens hatte sich über die 27 Jahre, die das Fauteuil im Besitz der Künstler ist, eine kleine Porträtfotografie einer Frau mit Hut zwischen den Pölstern versteckt. Sie hat 5 Punkte im Gesicht, die eine Linie über ihren schmalen Lippen bilden und wohl von einem Schleier stammen. Barthes würde hier wieder ein Beispiel für sein punctum erkennen – aber dazu ein anderes Mal…

 

Vergleicht man die beiden Innenaufnahmen hinsichtlich der Gemälde, die dort platziert wurden, fällt auf, dass beide Darstellungen eine geografische Distanz zu Wien einnehmen - einmal Tirol, einmal Neapel - also etwas Exotisches an die Wand bringen. Tatsächlich unterscheiden sich Bilder meistens vom Ambiente, in dem sie sich einfinden sollen. „Bilder sind immer anders“, sagt das Kind lakonisch auf die Frage, was ihm auf der Fotografie auffalle. Anders, weil dort eine fremde Welt ist, selbst wenn sie sich nur in Perspektive, Maßstab oder Zeit unterscheidet, anders aber auch insofern, als dass wir ein Bild, im Unterschied zum Fauteuil, zum Buch, zum Teppich, nicht benützen. Wir wahren automatisch eine Distanz zu ihm (mehr dazu verrät Georg Simmel). Ihr Rahmen bzw. die geschlossene Bildoberfläche halten die Welt im Bild zusammen, wie auch Fensterrahmen und Glas die Welt draußen von der Welt drinnen trennen. Nicht umsonst vergleicht Alberti in seinem Traktat über die Malkunst (De Pictura 1435/36) das Bild mit einem (offenen) Fenster. Auch petignat und scholz stellen die beiden Elemente Fenster und Bild über Eck miteinander in Beziehung. Die dazwischen errichtete Leseecke, die ohne Stehlampe auf das Tageslicht angewiesen ist und ohne Tischchen nicht auf die kulinarischen Gelüste des Lesenden eingehen kann, legt einmal mehr die Vermutung nahe, dass es sich nur um ein improvisiertes, weil temporäres Wohnen handelt oder gar nur um eine Szene fürs Foto, wie der Bohrstaub ja schon immer behauptet hat.

 

Um der Diskussion ein Ende zu bereiten, haben petignat und scholz letztlich den Bohrstaub weggekehrt, das Bild wieder an seinen Besitzer retourniert, sämtliche Einrichtungsgegenstände in eine andere Wohnung übersiedelt und nur ein Bild, die Fotografie der temporären Installation, an der Wand platziert, 188 cm vom Boden.

 

Ruth Horak

 

[1] Roland Barthes, Die helle Kammer, Frankfurt am Main, S. 35

[2] Ebenda S. 36

[3] Ebenda S. 53

[4] Ebenda S. 55

[5] Helmut Gernsheim, Geschichte der Fotografie – Die ersten hundert Jahre, Propyläen Kunstgeschichte, 1983

 

 

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petignat und scholz, Bild im Hochhaus, 2016

 

 

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