BILDER DER ERINNERUNG

Ruth Horak

 

 

Kaum ein Wert ist stärker mit dem Wesen der Fotografien verbunden als jener der Erinnerung. Tatiana Lecomtes eindringliche Auseinandersetzung mit dem Erinnern setzt dort an, wo persönliche und politische Geschichte aufeinandertreffen. Ihr Oeuvre speist sich oft aus gefundenen Fotografien, die private Sichten auf andere Zeiten offenlegen, vor allem auf politische Ereignisse des 20. Jh. wie die Verbrechen des 2. Weltkrieges. Diese Ereignisse durchdringen das Bildmaterial, sind nicht immer sichtbar oder absichtlich medial verklärt, wie in „Oradour“,[1] aber doch spürbar. Durch die unterschiedlichen Quellen, aus welchen ihr Material stammt, legt Lecomte auch ein Archiv über die charakteristischen Erscheinungsformen des Analogen an. Lecomte kombiniert dafür eigene mit fremden und Archivfotografien, womit sie historisch Belegtes mit persönlich Erlebtem verknüpft.

 

FKK am Strand von El-Alamein lautet etwa der Titel eines Konvoluts an Kleinbilddias, das Tatiana Lecomte aus einem Papiercontainer geborgen hat. 40 gemeinsame Jahre eines Paares waren darin verborgen, ihr Alltag, aber auch Strandurlaube wie jener in El-Alamein in den 1960er Jahren – ungewöhnlich daran sind die immer erotischen bis pornografischen "Stellungen" der Frau. Ein Blick zurück in die Geschichte zeigt, dass der Strand von El-Alamein nur wenige Jahre zuvor Bühne für Ereignisse ganz anderer Art war: 1942 konnten die Alliierten in zwei entscheidenden Schlachten den Rückzug der deutsch-italienischen Truppen aus Afrika erreichen, womit das strategisch wichtige Ziel Suez-Kanal für die Deutschen in weite Ferne rückte.

Bild für Bild legt Tatiana Lecomte ihre Montage der El-Alamein-Stellung vor uns auf. Das Material stammt aus dem genannten Privatarchiv, aus Historienbüchern und -filmen[2] und von einem eigenen Strandaufenthalt. Die BetrachterInnen sind eingeladen, anhand der Bildqualitäten die Herkunft der Bilder zu bestimmen.

Die große Geschichte des 2. Weltkriegs – Flugzeugangriffe, Panzerstellungen am Strand, Getroffene und Tote – trifft sich mit der kleinen, privaten Geschichte eines Mannes, der vielleicht als Soldat schon einmal in El-Alamein gewesen ist. Und wie bei Jean-Luc Godards Les Carabiniers werden die Bilder durch die Hand der externen Kommentatorin zum Beweismaterial für stattgefundene Geschichte. (Auszug aus dem gleichnamigen Beitrag in „DLF 1874 – Die Biografie der Bilder, Hg. Bmukk, FOTOHOF Edition, 2013)

 

 

[1] Oradour-sur-Glane, ein französisches Dorf, wurde 1944 von der SS niedergebrannt und seine EinwohnerInnen ermordet. Das Dorf wurde nach dem Geschehen als Ort der Erinnerung in seinem zerstörten Zustand belassen. David Komary, SCRIPTURES WITHOUT WORDS, http://www.lecomte.mur.at/media/krems.pdf (14.05.2014).

[2] Guy Green, Sea of Sand  Die schwarzen Teufel von El Alamein, UK 1958; Armando Crispino, Himmelfahrtskommando El Alamein, IT/D 1968; El Alamein 1942. Enzo Monteleone, Die Hölle des Wüstenkrieges, IT 2002.

Hg.„Europäischer Monat der Fotografie“ (EmoP): EMoP asbl

Mit einem Kuratorenvorwort von Pierre Stiwer und Texten von Gunda Achleitner,
Peter Burleigh, Éva Fisli, Ruth Horak, Bohunka Koklesová, Leonida Kovač, Eva Maria Probst,
Doron Rabinovici, Frank Wagner u.a.

Engl., 196 Seiten

durchgehend Farbabbildungen


ISBN 978-99959-891-0-1
 

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© Ruth Horak