Inge Dick, Arbeiten 1989-2007 Katalog zur Werkschau XIV, Fotogalerie Wien, 2009 Deutsch/Englisch, 40 Seiten ISBN: 978-3-902725-27-1

Die Bewegung der Farben

Ruth Horak

 

Rot. Tagrot, Boston red, zinnober. In zahlreichen Arbeiten ist Rot bisher das Motiv von Inge Dick gewesen. Und Rot ist auch die überwiegende Farbe in ihrer Werkschau in der Fotogalerie Wien. Dabei ist Rot nur ein Hilfsausdruck für die nuancenreiche Palette an Rottönen, die Inge Dick für die vielteiligen Polaroidserien seit den frühen 1980er Jahren bzw. zuletzt für den 13 ½ -stündigen Film zinnober den Apparaten entlockt hat. Bodo Hell hat für sie eine „rote Liste“1 geschrieben, nach der im deutschen Sprachgebrauch zumindest 81 Rottöne einen eigenen Namen tragen, noch ohne Berücksichtigung der Pantone-Nummerierungen oder der RGB-Werte.

 

The Movements of Colors

Ruth Horak

 

Red. Tagrot, Boston red, zinnober . (Day red, Boston red, vermilion.) In numerous works, red has been Inge Dick’s motif. And red is also the predominat color in her Werkschau at the Fotogalerie Wien. Whereby, red is only a auxiliary term for the palette of red tones, rich in nuances, that Inge Dick has elicited with devices for the manypart Polaroid series since the early 1980s and most recently, for the 13 ½ hour-long film zinnober (vermilion). The author Bodo Hell wrote a “red list”1 for her on which at least 81 red tones have a name in the German language, without having yet included the Pantone numbers or RGB values.

 

Gleichzeitig ist Rot aber auch nur ein Modell, ein Statist, nur ein Vorwand, denn, was Inge Dick eigentlich darstel-len will, ist das Licht und seine Intensitätsschwankungen – die Veränderungen des natürlichen Lichts mit der Tageszeit, bzw. die Auswirkungen der apparativen Ein-stellungen auf das Kunstlicht. An den Farben (neben Rot verwendet Inge Dick vor allem Weiß, Schwarz und Blau) lässt sich das Licht visualisieren. Die Farben selbst nehmen sich dabei zurück, besitzen keine eigenständigen Farbkörper und keine ursprüngliche Stofflichkeit, erst wieder jene des darstellenden Mediums. Damit hebt sich auch der Unterschied zwischen Abbild und Bild auf: die Farben sind weniger abgebildet, als dass sie selbst Bild sind.

 

However, at the same time, red is also just a model, an extra, simply a pretext, because what Inge Dick actually wants to demonstrate is the light and the fluctuation of its intensity – the changes of natural light with the time of the day, or the effects of the mechanical settings on artificial light. The light allows itself to be visualized on colors. (Besides red, Inge Dick uses primarily white, black and blue.) The colors themselves retreat, they no longer have their own dependent pigment and lose their original materiality, until gaining that of the representational medium. The difference between image (in the sense of a likeness or representation) and picture is thereby abolis­hed: The colors are not just a representation as that they themselves are the picture.

 

Mit der Entscheidung, das Spektrum der natürlichen Lichtintensitäten auch filmisch zu erfassen, macht Inge Dick den Schritt zur kontinuierlichen Bewegung - in zinnober ist der Tag wieder ganz. Während in den foto-grafischen Serien einzelne Farben abhängig von bestimm-ten Zeit- und Lichtwerten herausgegriffen waren, bewegt sich das Rot nun. In den Polaroidserien regten die Einzelbilder zum Vergleich an – die Dunkelheit des Rots frühmorgens, seine Blässe tagsüber und seine Ähnlichkeit mit der Vorlage gegen Abend – im HD-Video zinnober hingegen lässt unser schlechtes Farbgedächtnis ähnliche Vergleichsmomente kaum zu. Wir registrieren Verände-rungen, aber die vorangegangenen Rot-Töne sind unserem Gedächtnis längst wieder entschwunden. Dafür liegt ein ganzes Taglicht ununterbrochen und in Echtzeit vor uns.

 

With the decision to capture the spectrum of the intensities of natu­ral light filmically, Inge Dick makes a step towards continuous move­ment – in zinnober the day is whole again. While in the photographic series individual colors are singled out independent of time or light values, the red now moves. In the Polaroid series, the individual pho­tographs prompt comparison – the darkness of the red of an early morn, its paleness during the day and its similarity with the colored surfaces red towards the evening – whereas in the HD video zinnober, our poor color memory hardly allows such moments of comparison. We register the changes, but the preceding red hues have long since escaped our memory. In its place, an entire cycle of uninterrupted daylight is in front of us, and in real time.

 

Bei all diesen Experimenten mit der Kausalität von Farbe, Licht und Zeit – sei es mit der kleinen SX 70 Polaroid-kamera oder den mittel- und großformatigen Polaroids seit 1995, sei es in den Malereien (die in ebenso großem Umfang wie die Fotografien entstehen) oder in ihrem ersten Filmprojekt: es geht Inge Dick immer um das „Programmieren“ einer Serie, um den Prozess der Um-setzung, um Strukturelles, das sie in Form von Zeitcodes etwa mit ins Bild holt. Inge Dick versteht es, Wahrneh-mungsschwellen zu initiieren und deren Immaterialität eine Form zu verleihen. Und sie versteht es, die strenge Programmatik ihres Konzepts immer neu zu bezaubern.

 

1 Bodo Hell, Listen der Liste. In: Inge Dick, Lichtzeiten,

Landesgalerie Linz / Fotohof edition 2008, S.76ff.

 

 

In all these experiments with the causality of color, light and time – whether it be with the small SX70 Polaroid camera or with the middle or large format Polaroids since 1995, or in the paintings (produced in just as great a quantity as her photographs), or in her first film pro­ject – for Inge Dick it is always a matter of “programming” a series, it is about the process of implementation, about the structure, which she brings into the image in the form of a time code. Inge Dick un­derstands what it means to initiate thresholds of perception and to lend form to its immateriality. And she understands how to infuse a renewed fascination into the strict aims of her concept.

 

1 Bodo Hell, Listen der Liste. In: Inge Dick, Lichtzeiten,

Landesgalerie Linz / Fotohof edition 2008, pp.76ff.

 

TAGROT, 1989

 

Tagrot, an einem Jännertag 1989 fotografiert, ist eine der ersten Serien, in denen Inge Dick die Variationen einer Farbe im Verlauf eines Tageslichts dokumentiert. Ausgelöst wurde in Intervallen von sechs Minuten: „Ich habe den ersten schönen Rotton verwendet, der sich unter der aufgehenden Sonne ergeben hat und dann weitere 99-mal das Tageslicht „angehalten“, um zu sehen, wie die Farbe durch das Polaroid aufs Licht reagiert.“

 

[...]

 

Nicht umsonst hat Dieter Ronte in einem frühen Katalog von Inge Dick 1984 für das Museum Moderner Kunst eine süffisante Aussage Joseph Albers zitiert: „Wenn man den Unterschied zwischen einem höheren und einem tieferen Ton nicht wahrnimmt, erscheint es ratsam, keine Musik zu machen. Wollte man hinsichtlich der Farbe einen ähnlichen Schluss ziehen, dann würde eine Mehrheit nur unzureichende Voraussetzungen für den rechten Ge-brauch von Farbe zeigen. Sehr wenige sind fähig, zwischen größerer und geringerer Lichtintensität (man spricht gewöhnlich von größerem und kleinerem Hellig-keitswert) verschiedener Farbtöne zu unterscheiden.“

 

(Josef Albers, Interaction of colour, Grundlegung einer Didaktik des Sehens, Köln 1970, S. 37)

 

 

ROT, 1998

 

Ab 1995 arbeitet Inge Dick mit der großen Polaroid­kamera (50x70cm) und verschiebt dadurch den Charakter ihrer Arbeiten von der konzeptuellen „Notiz“, die dem Amateurformat SX 70 anhaftet, zum autonomen Werk. „Es hat mich 5 Jahre Hartnäckigkeit gekostet, Jan Hnizdo, der diese große Polaroidkamera in Offenbach bediente, zu überzeugen. Er habe noch nie nichts fotografiert, begründete er seine Skepsis..."

[...]

 

 

BOSTON, 1999

 

Nachdem Inge Dick den „Kameramann“ Jan Hnizdo also für ihre Projekte begeistern konnte, begleitete er sie ab 1999 bei einem weiteren Schritt und fotografierte für sie mit der weltgrößten Polaroidkamera, mit einem End­format von 264x133cm. (Die Kamera war bis 1999 im Polaroid Headquarter in Boston aufgebaut und in Ver­wendung, seit ca. 2006 wird jedoch kein Filmmaterial mehr hergestellt).

Aufgrund der Unbeweglichkeit der Studiokamera war das Konzept diesmal, mit dem Kunstlicht zu arbeiten, d.h. das Raumlicht zu vermindern, sodass ein anfänglich helles Zinnoberrot durch das veränderte Licht schritt­weise fast schwarz wurde.

[...]

 

 

ROT, 15.8.2006

 

Ein weiteres Mal dokumentiert Inge Dick anhand einer zinnoberroten Fläche die Tageslichtverhältnisse diesmal des 15. August 2006 zwischen 6.31 Uhr und 20.17 Uhr. Das Ergebnis: 29 Mittelformat-Polaroids mit 29 ver­schiedenen Rottönen zwischen Schwarzrot und Hellrosa. „Immer wenn der Belichtungsmesser einen veränderten Lichtwert von 3-4 Zehntel anzeigte, machten wir eine Aufnahme. Im Vergleich zur ersten 99-teiligen Tageslicht-Serie Ein Tageslicht Weiß besteht Rot aus nur 29 Pola­roids, weil der Tag so monochrom war, die Lichtverhält­nisse waren fast kontinuierlich gleich bleibend, bis auf zwei Wolken, die kurz zu Lichtabdunkelungen führten.“

 

Um mit dem Wechsel der Tageszeiten bzw. der jewei­ligen Lichtverhältnissen zurechtzukommen hat das menschliche Auge gelernt, sich an die Helligkeit bzw. Dunkelheit anzupassen. Das geschieht über die Verän­derung der Pupillenweite und über die Anpassung der Rezeptoren. Unser visuelles System ist so ausgelegt, dass wir Farben unter sich verändernden Beleuchtungsbedin­gungen als relativ konstant wahrnehmen. Bei der Dun­kel­adaption verschiebt sich die Empfindlichkeit und die Buntheit der Farbeindrücke schwindet, bis sie in ein von Kontrasten getragenes achromatisches Bild übergeht.

 

Die Herausforderung für den Betrachter, der die Pola­roids wieder im gleichmäßig beleuchteten Ausstellungs­raum sieht, liegt darin, ohne den am eigenen Körper erlebten Lichtentzug die ursprüngliche Situation nach­zuvollziehen bzw. sich angesichts der breiten Palette an Rottönen bewusst zu machen, was man durch die Farb­konstanz eigentlich alles versäumt.

 

ZINNOBER, 2007

 

Bei zinnober ist der Tag wieder ganz. Aufgenommen wurden 13 ½ Stunden von 7 Uhr bis 20.30 Uhr des 4. Augusts 2007 in Form von 142GB Highdefinition-Video. Die Vorlage: eine zinnoberrote Fläche. Im Ausstellungs­raum wird flächendeckend auf ein Wandfeld projiziert, sodass der Betrachter das wechselnde Licht wieder am eigenen Körper erlebt, und dem timecode folgen kann, der unermüdlich unten rechts im Bild mitläuft. „Diesmal war der Tag weit intensiver als zuletzt bei rot 15.8.2006: durch das wechselhafte Wetter hat das Zinnober im Laufe des Tages eine Vielzahl von verschiedenen Rot­tönen angenommen.“

Während in den Polaroidserien die Zeit in kurze Momente zerlegt ist, die gleichzeitig präsentiert werden (zugunsten des Vergleichs), passiert im Filmprojekt alles kontinuierlich, aber hintereinander – ein Vergleich ist nur mit der Erinnerung möglich. So ergänzen die dynamischen aber ephemeren (Film)Bilder die bisher statischen aber dauerhaften (Polaroid)Bilder .

 

 

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DAY RED, 1989

 

Day red, photographed on a January day in 1989, is one of the first series in which Inge Dick documents the variations of one color during the light of a single day. The camera was triggered in regular intervals of six minutes: “I used the first beautiful red tone that appeared under the rising sun and then I ‘captured’ the daylight another 99 times to see how the color reacted to the light through the Polaroid.”

 

[...]

 

It is not by chance that in one of Inge Dick’s early catalogues in 1984 for the Museum of Modern Art Vienna, Dieter Ronte cites Joseph Albers’ smug statement: “When one does not recognize the diffe­rence between a higher and a lower tone, it would seem advisable not to be the one to make any music. If one were to draw a similar conclusion with regard to color, the majority would only point to the insufficient understanding about the correct use of colors. Only very few are able to differentiate between greater and lesser light intensities (usually one speaks of greater or lesser brightness value) of various hues.”

 

 

(Josef Albers, Interaction of colour, Grundlegung einer Didaktik des Sehens, Cologne 1970, p. 37)

 

 

ROT, 1998

 

Since 1995, Inge Dick has been working with a large Polaroid camera (50 x 70 cm) thereby shifting the character of her works from the con­ceptual “note” associated with the amateur format of the SX 70 to character of an autonomous work. “I spent 5 years trying to convince Jan Hnizdo, who operated the large Polaroid camera in Offenbach. To explain his skepticism, he said he had never photographed nothing..."

[...]

 

 

BOSTON, 1999

 

After Inge Dick was able to get the “camera man” Jan Hnizdo excited about her project, starting in 1999 he accompanied her in a further step and photographed for her with the world’s largest Polaroid camera, with the resulting format of 264 x 133 cm. (Until 1999, the camera was set up and in use at the Polaroid head­quarters in Boston, however since 2006, film material is no longer being manufactured.)

Since this studio camera was stationary, the concept this time was to work with artificial light, meaning the am­bient light would be mi­nimized so that a light vermilion at the beginning would gradually become almost black through the changing light.

[...]

 

 

ROT, 15.8.2006

 

Once again, Inge Dick documents the circumstances of daylight, using a vermilion surface, this time on August 15, 2006 between 6:31 a.m. and 8:17 p.m. The result: 29 middle format Polaroids with 29 different hues of red between reddish black and light pink. “Every time the light meter showed a changed value of 3-4 tenths, we took a photograph. Compared to the first 99-part daylight series Ein Ta­geslicht Weiß (A Daylight White), this time red is composed of only 29 Polaroids, because the day was so monochrome, the light conditions stayed almost the same throughout, except for two clouds that led to a short darkening in the light condition.”

 

In order to be able to cope the changes of the time of day and its respective light conditions, the human eye has learned to adapt to brightness or darkness. This occurs through a change in the size of the pupil and through an adjustment of the receptors. Our visual sy­stem is designed in such a way that, in fluctuating light conditions, we perceive colors as staying relatively constant. With the adaptati­on in the dark, the sensitivity and the richness of the impressions of color disappear until they give way to an achromatic image.

 

The challenge for the viewer, who then sees the Polaroids in an even­ly lit exhibition room, is to be able to imagine or grasp what the ori­ginal situation was, without having physically experienced the light being with­drawn—or, considering the large palette of red tones, to be made aware of what is actually being missed out on with the perception of constant color.

 

ZINNOBER, 2007

 

In zinnober (vermilion), the day is whole again. 13 1/2 hours from 7:00 a.m. until 8:30 p.m. on August 4, 2007 were recorded in the form of a 142 GB high-definition video. The source material: a vermilion surface. This is then projected onto the wall in the exhibition space, covering the entire surface of the wall to allow the viewer the chance to experience the changing light with their own body once again and be able to follow the time code that tirelessly scrolls across the lower right hand side of the image. “This time, the day was by far more intense than the last time with rot 15.08.06: Due to the erratic weather, the vermilion took on nu­merous varia-tions of red hues over the course of the day.”

In the Polaroid series, where time is fragmented into short moments that are then presented together simultaneously (allowing for com­parison), in the film project, everything happens continuously, but conse­cutively – a comparison is only possible in one’s own memory. In this way the dynamic, but ephemeral (film) images complement the (Polaroid) images that, until

this point, were static, but enduring.

 

 

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WERKSCHAU XIV - INGE DICK
Arbeiten 1989-2007

 

Herausgeber: Fotogalerie Wien
Format: A4, 40 Seiten

Deutsch/Englisch

2009


ISBN: 978–3-902725-27-1

Preis: EUR 11,00
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© Ruth Horak