Hermes Payrhuber

Abwesenheits-Assistent

 

Findet man eine Abwesenheitsnotiz in seinem Posteingang, dann heißt das soviel wie: „Nein, ich bin heute nicht erreichbar“. Die Abwesenheitsnotiz ist eine prompte Antwort, prompter als die meisten anderen, die mir jedoch meist in aller Trockenheit mitteilt, dass mit dem Adressierten heute aber auch auf gar keinen Fall mehr zu rechnen ist. Wie kommt man überhaupt auf die Idee?! Die Abwesenheitsnotiz besagt weiters, dass der Absender üblicherweise anwesend ist und sich aufgrund dieser Konstanz dazu verpflichtet fühlt, sich mitzuteilen, wenn er ausnahmsweise abwesend ist.

Die Abwesenheitsnotizen von Hermes Payerhuber sind ähnlich ambivalent: Die Fotos sind da, sind Antworten auf etwas, und gleichzeitig nicht da, weil sie „nichts aussagen“. Sie sind da, sogar in großer Zahl, als Stapel, aber sie zeigen nichts. Diesbezüglich könnten die Fotos also genauso gut auch nicht da sein. Aber: Die Email-Abwesenheitsnotiz setzt mich sehr wohl über etwas in Kenntnis, während mich ein bloßes Nichtantworten im Unklaren lässt. So gesehen zeigen auch die fotografischen Abwesenheitsnotizen etwas, nämlich, dass jemand versucht hat, Fotos von etwas zu machen und anschließend dieses Etwas weggeschnitten hat. Übrig ist, was außerhalb des Motivs war: weiße Wände in vielen „bunten“ Weißtönen, die uns die Farbfotografie immer wieder als Weiß unterjubeln will. Dazu der unregelmäßige Stapel, die Schnittkanten, das Messer als Schneidewerkzeug … eine Vermutung stellt sich ein, nämlich dass es Reproduktionen von Bildern sein könnten, die sich nur schwer reproduzieren lassen. In einem tiefen Vitrinenrahmen umspielen nun, wie in einer Hommage an das Rechteck, verschieden große Umrisslinien von Rechtecke ein leeres Zentrum. Es sind Reste von Fotos, über die jemand bestimmt hat, dass sie keinen Wert mehr haben.

 

Tatsächlich sind die Fotos Reproduktionen von Bildern. Und tatsächlich sind es Bilder (eine frühere Serie von HP), die schwer zu reproduzieren sind. Ihr Titel: „Void“, zu Deutsch „Leere“. Wie könnte man Leere besser darstellen, als durch sie selbst? Aber wie stellt man Leere dar? Indem man ihr ein aktives Gegenüber an die Seite stellt. Yves kleinen hat seine Leere („Vide“) verdeutlicht, indem er Situationen, wie eine leere Vitrine gezeigt hat, die man üblicherweise in gefülltem Zustand kennt. Die Leere wird in ihrem Gegenteil anschaulich. Bei HP sind es die Rahmen, die da übereinanderliegen und selbst wieder in einem tiefen Vitrinenrahmen montiert sind – aber weder Vitrine noch Rahmen beherbergen etwas, außer der Vehemenz, mit der HP versucht hat, die Voids zu dokumentieren.

In der Nichtreproduzierbarkeit der Voids steckt auch die Unzufriedenheit des Fotografen mit den Ergebnissen der Reproduktion, weil sie in keiner Weise für die Originale repräsentativ sein können. HP: „Es war ein langes Projekt. Mit unterschiedlichen Kameraeinstellungen, unterschiedlichen Filmen, unterschiedlichen Belichtungen und Entwicklungen habe ich versucht, ein Ergebnis zu erzielen, das dem Original möglichst nahe kommt.“ Nachdem sich hunderte solcher Reproduktionsversuche angesammelt hatten, hunderte solcher Notizen begann HP, dieses Material selbst und das Scheitern zu akzeptieren bzw. zum Thema umzuwandeln. An die Stelle des Motivs tritt der Produktionsprozess: die Vielzahl der Versuche, das typische Kleinbildexperimentierformat, die vertraute Form des ungeordneten Stapels, der zur Durchsicht bereitliegt, dann die Unzufriedenheit, das Ausschneiden, usw.

Dafür sind die Voids – lackbeschichtete Leinwände mit jeweils einer Rille und einer Grafitlinie, deren Oberflächen mit dem Licht spielen – jetzt richtig leer. Sie sind zwar als Gegenstände nicht nachvollziehbar, aber die Idee der Leere ist manifest. Es wird kein Gegenstand abgebildet, aber die Absicht. Der Fokus hat sich vom Produkt zum Tun verschoben. Aber eine Kausalität zwischen Produkt und Prozess bleibt aufrecht, weil das eine das andere verantwortet. Der Akt des Aufzeichnens ist durch den Akt des Ausschneidens ersetzt worden. Wobei das Ausschneiden – die Wahl des Ausschnitts – an sich ja wiederum Teil der fotografischen Entscheidungen ist.

So sind die Abwesenheitsnotizen über das Produzieren, aber auch über Fotografie: über die periodische Unzulänglichkeit des Mediums, eine Ähnlichkeit mit der Realität herzustellen, über seine rein abbildenden, illustrative Funktion (seine Abbildungsleistung), über das Anwachsen der Menge an Fotos, über die Gewichtslosigkeit des Papierbildes und die Substanzlosigkeit seiner Inhalte[1] und über die Frage, welches Motiv denn noch Sinn macht, nach dem Motto: „Alle haben alles gesehen“ (Michael Schuster).

Notizen über das Abwesende und über die Leere funktionieren letztlich dadurch, dass man sich ihnen über das Gegenteil annähert, denn auch das Abwesende und die Leere verlangen nach einer (wenn auch minimalen) Form, wenn sie wahrgenommen werden sollen. So umbaut man die Leere und streut Hinweise, die zu ihr führen oder schreibt einen Text, der das Abwesende im Anwesenden sucht.

 

Ruth Horak

 

 

 

 

[1] „Eine Fotografie kann das Gefährliche darstellen, ohne zu gefährden, das Schädliche ohne zu schaden, das Erwünschte ohne zu sättigen.“ Hans Jonas, Homo Pictor.: Von der Freiheit des Bildens. In: Gottfried Boehm (Hrsg.), Was ist ein Bild? Fink Verlag (1994), 4. Auflage 2006, S.111.

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© Ruth Horak