Duck and Cover - Gabriele Rothemann im R-M-L

Duck and Cover *

Ruth Horak

 

Jedes Bild  entspringt einem Bildvermächtnis und trägt gleichzeitig seinen Teil dazu bei, könnte man aus Sicht der Bildtheorie über die Arbeiten von Gabriele Rothemann sagen. Sie entstehen aus einem „Bedeutungs-Spiel von Aneig­nung und Transformation“ (Sebastian Schütze) und generieren ihre eigene zeichenhafte Symbolik, sind gleich­zeitig Zitat und autark.

 

In der aktuellen Ausstellung präsentiert Gabriele Rothemann erstmals dieses Bezugssystem: 200 Pressebilder aus ihrem mehr als 1000teiligen Bildarchiv, vergrößert und wandfüllend in der Galerie Raum mit Licht tapeziert – unter ihnen befinden sich auch kaum unterscheidbar eigene archivierte Arbeiten –  bilden den Rahmen für die originalen Fotografien und Zeich­nungen aus einem Zeitraum von 25 Jahren, die in dieses Referenzsystem eingebettet sind. Wiederholung, Maskierung oder Freistellen (immer analog) sind dabei Methoden, die ausgewählten Motive herauszuarbeiten. Das „repräsentative“ Bild steht dem „Studienmaterial“ gegenüber, das kleine zarte Aquarell der überdimensionalen Zeichnung, das Original der Reproduktion. Eine eigens für die Galerie geschaffene raum­greifende Installation überträgt das Spiel von Vorbild und Abbild in die Realität: Sämtliche sinnliche Eigenschaften wie Taktilität, Dreidimensionalität oder Geruch sind nur am Original studierbar und bringen eine empirische Realität in

die Ausstellung.

 

Seit 1984 sammelt Gabriele Rothemann Abbildungen aus Printmedien, um einerseits deren Bildmacht zu verstehen, andererseits um sich fremde Teile der Welt und unbekannte Sichtweisen zu erschließen, insbesondere die Anti-Nazional­sozialistische-Propaganda der amerikanischen Bericht­erstattung aus den Jahren 1936-1945, die im Faschismus in Deutschland nicht nur nicht erhältlich, sondern unter Strafe verboten war. Diese kollektive Lücke im allgemeinen Bewusst­sein zu schließen, erschien Gabriele Rothemann wie ein Auf­trag an die zweite Nachkriegsgeneration, als sie 1989 in den USA in Bibliotheken forschte. Das Archiv repräsentiert ein bis heute andauerndes Interesse der Künstlerin.

 

Eine zentrale Motivation dabei ist es, die Mechanismen der Bildwirkung zu begreifen, den Zusammenhang zwischen Komposition und emotionaler Wirkung, kurz: welchen Anteil die Form an der Emotion hat. Beginnt man in den rund 200 Pressebilder zu lesen, fallen sofort zahlreiche Faktoren auf, die den emotionalen Gehalt der Bilder verantworten und durch unsere Erfahrung auch als solche dechiffrierbar sind. Kompo­sitionsprinzipien wie die Suggestion von Nähe durch einen engen Bildausschnitt, von Unmittelbarkeit durch Bewegung, von Einsamkeit durch Leere, von Dramatik durch Fülle oder Kontrast etc. sind zentral in der Schaffung von Bedeutung und Identifikationsfiguren. Verlassenheit, Mühe, Bedrohlichkeit, Aggression oder skurrile Begebenheiten, die sich aus Gegen­sätzen speisen, Gesten der Freude und vieles mehr sind vor uns ausgebreitet. Jedes der ausgewählten Bilder zeichnet sich durch einen solchen Aspekt aus und regt dazu an, Metaphern zu entschlüsseln, Stimmungen zu erahnen, die Dramatik, die entfacht werden soll, zu spüren und das Verhältnis von un­mittelbarer und versteckter Bedeutung zu ergründen. Gabriele Rothemann hat sie für die Ausstellung zu Bildketten und Bildreihen mit formalen und inhaltlichen Analogien geordnet.

 

Mit diesem Bildvokabular im Hinterkopf beginnt sich ein feines Netz an Bezügen zu spinnen, sobald man sich den Original­arbei­ten der Künstlerin zuwendet. Sie konzentrieren sich auf die emotionalen und formalen Qualitäten der Vorbilder: geometrische Formen, klare Kontraste, auffällig lineare Bild­kompositionen, strenge Ordnungen oder extreme Unordnun­gen, minimale Strukturen oder maximale Häufungen. Entsprechend kehren Motive wieder: Textilien wie in der zentralen Installation oder der großen blauen Kleiderschnitt-Zeichnung finden sich in Pressebildern wie „Dead Men Things“ oder den Fahnennäherinnen wieder und legen die Brücke zu Gabriele Rothemanns Serie der „Kleiderschnitte“ bzw. zum ihrem breiteren Thema der Näherinnen.  

 

Eine andere Assoziationskette stellt einer Vorstadtsiedlung 24 Vogelkäfige zur Seite, eine Videoarbeit der Künstlerin. Und eines der Aquarelle bringt die Thematik der Migration, die in den Pressebildern immer wiederkehrt, schließlich auf den Punkt: Es zeigt zwei Gruppen von Flüchtlingen – solche, die im Boot Platz finden und andere, für die kein Platz vorgesehen ist. Ein weiteres wiederkehrendes Motiv sind Tiere:  in die Flucht geschlagene Tiere, erlegte Tiere, etwa eine vom Pfeil getrof­fene Ente, die wie ein Symbol der Anklage über Tokyo fliegt, mit Stöcken gezähmte Tiere, erstarrte Tiere – im Foto, in der Zeichnung, im Tod. Ein auffälliges Motiv ist die Kennzeichnung deutscher Internierter in England durch große aufgenähte Kreise am Rücken, was so viel wie „Fluchtgefahr“ bedeutete und die Treffsicherheit der Wachen unterstützen sollte. Gabriele Rothemanns Hirschkuh von 1993 zitiert den Kreis

als Markierung eines möglichen Wundpunktes.

 

Vormals aktuelle, an einen bestimmten Ort und eine be­stimmte Zeit geknüpfte Ereignisse werden vom realen Vorfall, aus dem sozialen und historischen Kontext genommen, in ein allgemeines Zeichen überführt und damit abstrahiert. Man  darf nicht vergessen, dass die Pressebilder das ursprüngliche Geschehnis schon auf eine plakative Ebene überführt hatten, dass deren Ästhetik die jeweiligen Ereignisse bereits auf eine anschau­liche Ebene gebracht und die emotionale Wirkung unterstützt hat! Gabriele Rothemann setzt an diesem Punkt  an. Sie reduziert die auffälligen Merkmale auf einfache Zeichen, verleiht ihnen eine Eigendynamik und monumentali­siert in gewisser Weise die ursprünglichen Aussagen. Bemerkenswert sind auch die Materialien der Originale im Vergleich zu den Kopien der Archivwände: Nicht zufällig ist etwa die Kleiderzeichnung auf einem aus Altkleidern hand­geschöpften Büttenpapier gezeichnet.

 

Vielfache Querbezüge, formale Analogien, inhaltliche Folgen, Kleinteiliges versus Großflächiges, Archiv und Original, seitenrichtig und seitenverkehrt bestimmen die Arbeiten von Gabriele Rothemann und das Bild der Ausstellung.

 

 

*Duck and Cover ist die englische Aufforderung, Schutz zu suchen, wie sie etwa in einem US-Amerikanischen Zivilverteidigungsfilm aus den 1950er Jahre verwendet wurde, um Schulkinder dazu anzuhalten, sich vor möglichen Atombombenexplosionen zu schützen, bzw. wie es Gabriele Rothemann auch während ihres Aufenthaltes am 17. Oktober 1989 in Los Angeles zu hören bekam, nachdem die Erde zu beben begonnen hatte.

 

 

Duck and Cover

Ruth Horak

 

In theoretical terms it could be said of the works of Gabriele Rothemann that each image is a tissue of quotations while contributing to the same legacy. The images are created from

a "play on meaning, of appropriation and transformation"

(S. Schütze) and generate their own symbolism, being simulta­neously both quotation and autonomous.

 

In the current exhibition Gabriele Rothemann presents this inter-referential system for the first time: 200 press images from her archive of over 1000, papered as wall-filling en­largements in the  Galerie Raum mit Licht – hardly discernible and archived among these are also works of her own – form the frame-work for the original photographs and drawings from a period of 25 years that are embedded in this system of  references. Repetition, masking or cropping (always analogue) are methods for isolating selected motifs. The quasi-represen­ta­tive image is contrasted with the "study material”, the small delicate watercolour with the oversized high contrast Indian ink drawing, the original with the reproduction. An installation created specially for the gallery translates the play with the original example and the depiction into reality: as all of the sensual qualities, such as tactility, three-dimensionality or smell may only be studied on the original, and bring a level of empirical reality into the exhibition.

 

Since 1984  Gabriele Rothemann has been collecting images from print media, to understand their power as images but also to see foreign parts of the world and unfamiliar per­spectives, especially the anti-Nazi propaganda of reports in the USA from the years 1936-1945, which were not only unavail­able under the fascist regime in Germany but were banned by law. To close this gap in the collective consciousness seemed like a mandate for the postwar generation when she was con­ducting research at libraries in the USA. The archive represents an interest of the artist that she has maintained to this day.

 

A key motive here is to gain an understanding of the mechanisms of an image’s impact, the connection between composition and emotional effect, in brief: the extent to which form effects emotions. Numerous factors are immediately obvious when one begins to read the approx. 200 press images that are responsible for the emotional content of the images, and which can be deciphered as such through our own experience. […]

 

(translated by Jonathan Quinn)

 

Read more at www.raum-mit-licht.at

 

 

 

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© Ruth Horak