Etreme des Sofortbildes in der Kunst

Ruth Horak

 

[…]

Meistens sprechen wir über Fotos im Sinne von: „What they do to us“ – ihren Einfluss auf unser soziales Verhalten bzw. unseren sozialer Gebrauch des Mediums, aber angesichts der Thematik, die einer tech­nischen Innovation gewidmet ist, soll das Augenmerk auf Herstellungsprozesse bzw. das Zusammenspiel von Prozess und Bild gelegt werden. Die folgenden drei Werke sind aktuelle Beispiele für Sofortbilder, in denen der (fotografische) Prozess eine besondere Rolle spielt und in Folge das Bild als Ergebnis dieses Prozesses, im Unterschied zum Bild als Illustration. Die Besonderheit der Technik ermöglicht nämlich neue Diskurse über (alte) Motive der Fotografie - wie die Zeit bzw. die Zeitspanne zwischen Realität und Reproduktion, oder die Originalität -, auf welche die Künstler reagieren. Sie nützen die Vielfalt der Mate­rialien, z.B. solche, die für den professionellen Einsatz des Sofortbildverfahrens entwickelt wurden, um neue Differenzierungen innerhalb der Fotografie zu setzen und um klare Grenzen zum populären Gebrauch dieser Medien zu ziehen. Die drei in Folge vorgestellten Positionen stehen dabei der ursprüng­lichen Definition von Fotografie, dass die Verwendung eines Apparates und das gegenständliche Abbild nicht Voraussetzung sind, näher als der dokumentarischen Interpretation von Fotografie, die aus dem Medium einen transparenter Vermittler gemacht hat. Sie sind Beispiele dafür, wie das fotografische Zeichen mit dem Material Polaroid herausgelöst werden kann.

 

 

Autonom, authentisch und augenblicklich...

 

Inge Dick, Ein Tages Licht Weiß, 1996

Eine 20x24 Inch Polaroidkamera wird auf eine weiße Fläche im Freien gerichtet und 99 Aufnah­men ge­macht: „sobald der Be­lich­­tungsmesser einen diffe-ren­ten Lichtwert von drei bis vier Zehntelsekunden minus oder plus bei unveränderter Kamera­einstel-lung anzeigte, wurde ein neues Bild aufgenommen […] - bei gleichbleibender Lichtstärke wurde jede Stunde eine Auf­nahme gemacht (durch die Verän-derung der Lichttempera­tur im Ablauf einer Stunde ergibt sich automatisch eine Verände­rung des Farb-tons).“(1) Das Ergebnis: Ein-Tages-Licht-Weiß von Inge Dick. […]

 

(1) Carl Aigner, Im Bilde der Zeit. In: Inge Dick, Große Polaroids, Edition Fotohof Salzburg, 1997, S. 10

 

 

 

 

 

 

 

Lesen Sie weiter in "Polaroid als Geste", S. 80 - 95

Anita Witek, Polaroids of places that never have existed, 1998

Die Polaroids of Places that never have existed von Anita Witek imitieren Polaroids. Es sind kleine C-Prints mit einem, dem Polaroid-Rahmen ähnli­chen weißen Rand, auf einem Karton aufgezogen und foliert. Sie zeigen „Montagen aus den Hintergründen von Werbe­anzei­­gen für Gucci-Uhren, Clinique Tages- und Nacht­cremen, dem neuen Ford etc.“ Die Produk-te selbst sind aus den Anzeigenseiten geschnit­ten, übrig sind die (leeren) Räume, vor welchen die Pro­dukte präsentiert wurden. […]

 

Tamara Horakova + Ewald Maurer, Less 1, 1998, Polaroid TPX

Das ursprüngliche Motiv der Serie Bande test von Tamara Horakova und Ewald Maurer ist die Nacht­aufnahme eines drehbaren Büromöbels von Jean Nouvel mit dem hochempfind-lichen Polaroid-Rönt­genfilm Typ TPX, 8 x 10 Inch. Die Aufnahme zeigt den Ge­gen­stand ohne seine „prag­matischen“ Seiten wie seine Farbe, seine Größe, seine Benützbarkeit etc. Es sollte, im Unterschied zu einer Pro­spektabbildung, nur seine mi­ni­male Form erfasst werden, in einem minimalen Licht von einem ebenso minimalen Raum umgeben. […]

 

 

Polaroid als Geste. Über die Gebrauchsweisen einer fotografischen Praxis.

 

Hg: Meike Kröncke, Rolf F. Nohr, Barbara Lauterbach

Deutsch, 168 S.

Verlag: Hatje Cantz

ISBN 3-7757-1619-X

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© Ruth Horak