EIKON #55 (2006), S. 9-13. ISBN | 3-902250-25-9              

Erwin Wurms Antihelden

Ruth Horak

 

Eine Banane in der Hose, eine Zigarette im Nasenloch, eine Ledertasche im Mund – es sind nur kleinen Verschiebungen von Gemeinplätzen in einem sonst überwiegend alltäglichen Ambiente, das von unauffälligen Personen bevölkert wird. Aber diese kleinen Eingriffe durchbohren das Bild, unser Blick rast auf sie zu, die es gewagt haben, dem Normalen zu widersprechen – sehnen wir uns so sehr nach dem Außergewöhnlichen? Wir geraten in den Bann dieser Exaltiertheiten und beginnen aus ihnen heraus, das Bild zu begreifen. Inmitten der alltäglichen Welt ist eine zweite, irreale entstanden, und die Leichtigkeit dieser irrealen Momente macht das Normale ganz schwerfällig.

 

Wir befinden uns mitten in Erwin Wurms One-Minute-Sculptures, oder genauer in den stets spontanen Fotografien dieser temporären, minimalen, verqueren Szenen. Nur dass diesmal unser Augenmerk auf einen sonst nebensächlichen Aspekt gelenkt wird: auf das Porträt. Mit Hilfe der bekannten Handlungsanweisungen versucht Wurm das Äußerlich-Repräsentative eines Porträts aufzubrechen, an den Besitztümern, Posen und Namen vorbei, durch die Kleider hindurch, auf das Innere zu stoßen. Wurm versucht ihr Wesen zu beschreiben, indem er es in sein Gegenteil verkehrt. Die Modelle lassen sich für den Moment der Aufnahme dazu hinreißen, geben sich dem Lächerlichen kurzfristig hin, lassen den feingearteten Neurotiker oder den heimlichen Exzentriker zu. Die Anwesenheit des Fotoapparates bzw. die Autorenschaft des Künstlers bestärkt sie in ihrem Tun und setzt beinahe exhibitionistische Kräfte frei. Die karikierenden Züge, die Wurm den Dargestellten verleiht, sind durchaus schonungslos, wollen aber letztlich nicht die Würde der Porträtierten verletzen, sondern ihnen Anerkennung zollen für die Überwindung der eigenen Grenzen.

 

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Erwin Wurm’s Antiheroes

Ruth Horak

 

A man with a banana in his pants, a woman with a cigarette in the nostril, a man with a leather bag in his mouth: minimal shifts of the commonplace in an otherwise largely everyday environment populated by unremarkable people. But these minimal interventions drill through the image; our gaze rushes towards those who dared to go against the normal – do we so long for the extraordinary? We find ourselves spellbound by these effusive gestures and begin to understand the image. In the midst of the everyday world, a second, unreal world has emerged, and the lightness of these unreal moments makes the normal seem quite heavy and ponderous.

 

We find ourselves in the midst of Erwin Wurm’s One-Minute-Sculptures, or more precisely in the always spontaneous photographs of these temporary, minimal, weird scenes. Only that this time our attraction is directed towards what is otherwise a secondary aspect: the portrait. Following the usual parameters of the genre, Wurm attempts to break through the external and representative aspects of the portrait, past possessions, poses, and names, through the layers of clothes, to arrive at the inside. He attempts to describe the essence of this interior by turning it into its opposite. For the moment of the photograph, the models allow themselves to be carried away to do something, to submit briefly to the ridiculous, give way to the delicate neurotic or the secret eccentric. The presence of the camera and/or the authorship of the artist confirms them in their action, freeing almost exhibitionistic powers. The caricaturing features that Wurm gives to the persons portrayed are quite merciless, but ultimately do not seek to harm the dignity of the portrayed, but pay them  respect for overcoming their own limits.

 

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(translated by Brian Curried)

 

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EIKON # 55 (2005), Dt./Eng.

ISBN | 3-902250-25-9
92 Seiten

Preis: € 14,00 (inkl. 10% USt)

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© Ruth Horak