Vom Zusammenfall der Gegensätze in der Phantasie – Elfriede Mejchars Arbeiten aus dem Atelier. Veröffentlicht in: ELFRIEDE MEJCHAR FOTOGRAFIE, Verlag Bibliothek der Provinz, 2014, S. 142 - 145. ISBN | 978-3-99028-329-5                                            (Textauszug)

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Das Theater um Begehren und Begehrtwerden hält uns in Schach. Stets dem Vergleich mit den kunstvoll inszenierten Gesichtern jugendlicher Schönheiten ausgesetzt, ist das eigene Spiegelbild ein Bild im Prozess, in dem der Zeichenstift der Natur erbarmungslos unsere Züge täglich nachzeichnet. Das Älterwerden ist eine Muse für die Beschäftigung mit der Jugend, von deren Erhaltungswürdigkeit uns der Markt und seine Produkte überzeugen möchten. Die entsprechenden Botschaften werden von Frauen, die gerade erst und nur Frauen sind – nicht Ehefrauen, nicht Mütter –, überbracht. Sie verführen uns dazu, dem eigenen Verkommen entgegenzuwirken. Präsentiert wird uns ein Idealismus, der nur im Bild bestehen kann. Die formatfüllenden, im Photoshop retuschierten Gesichter flüstern uns selbstbewusst entgegen: „Schau, selbst ein Close-up kann mir nichts anhaben.“ Es ist ein Zynismus der Realität: Der Mensch muss sich eingestehen, dass das Makellose nicht von Dauer ist, aber die Hoffnung darauf erhält ihn am Leben.

 

Elfriede Mejchar spielt in diesem Theater des Begehrens die Rolle der Satirikerin: Dem Theater nicht abgeneigt, stellt sie jedoch dem Zauber des Makellosen die Realität der Tatsachen an die Seite: die Kurzlebigkeit, die Verletzbarkeit, die Austauschbarkeit und nicht zuletzt die Unwahrheit von fotografierter Schönheit. „Als ich meine Fotografen-Lehre während des Krieges absolvierte, habe ich vor allem eines gelernt: Retuschieren. Was jetzt der Computer macht, hat früher der Stift gemacht: Falten gemildert, Unreinheiten und Flecken im Gesicht eliminiert. Wenn jemand schlecht retuschiert hat, hat der Porträtierte ausgesehen, als hätte er lauter Regenwürmer im Gesicht.“ (1) Als hätte sich dieser erste Umgang mit Fotografie tief in ihr verwurzelt, spottet Elfriede Mejchar jetzt den Knechten der Retusche. Wie viele Stunden wird an solchen Porträts gefeilt – von der Maske bis zur Bildbearbeitung? Harun Farocki hat den Aufwand einer ähnlichen Produktion 1983 in seinem 25-minütigen Dokumentarfilm „Ein Bild“ mitverfolgt, wo er die (damals noch zur Gänze analoge) Vorbereitung und Durchführung einer Aktaufnahme für das Centerfold einer Playboy-Ausgabe in den Mittelpunkt stellt. Bemerkenswert ist, dass für die Aufnahme dieser einen Aktfotografie nicht weniger als vier Tagen eingeräumt waren. Im Bewusstsein, wie aufwendig und kostspielig solche Porträts sein können, scheint es nahezu vermessen, wenn Elfriede Mejchar mit wenigen Handgriffen und Schnitten Veränderungen setzt und damit auch der Zeit spottet.

 

Mejchars Schere stellt frei und trennt Umrisse so  lange von der Fläche, bis sich etwa eine Hand verschieben lässt und schwarze Spuren über das Dekolleté zieht. Der Akt des Herauslösens, Herausreißens, Verschiebens oder Vertauschens stört die ursprüngliche Perfektion, eine Kollision verschiedener Elemente, die bis dahin in keiner gemeinsamen Einheit steckten, findet statt – wie sie charakteristisch für die Collage ist: Ein Kopf schwebt körperlos vor schwarzem Grund, ein Leopard hat seine Pranke in einem Auge versenkt, ein Mund spuckt Worte, ein anderer schluckt ein Auge. Mann und Frau treffen aufeinander, schwarz und weiß. Gesichter verformen sich zu flachen Masken, durch deren Öffnungen der Hintergrund dringt, offene und geschlossene Augen wechseln einander ab oder werden von einem dritten Über-Auge überragt, das aber weniger als moralische Instanz, denn als forderndes Es agiert. Haben Augen und Mund das Gesicht endgültig verlassen, tummeln sie sich etwa vor einer Mauer. „Ich baue mir Bilder an der Wand, aus Materialien, die in der Öffentlichkeit liegen, aus dem, was öffentlich hergezeigt wird, entblöße aber die makellose Schönheit, die uns immerfort als Ideal unter die Nase gehalten wird, indem ich sie zerstückle oder verdecke. Es sind böse Collagen. Kurzfristige, lustvolle Eingriffe, die nach dem Abfotografieren wieder dahin sind.“(2)

 

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(1) Elfriede Mejchar in: Nora Schoeller, „21 Reportagen“, mit Interviews von Ruth Horak, hg. v. Alfred Fogarassy, Salzburg 2008, S. 121

(2) Ebda, S. 125

 

 

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© Ruth Horak