ARRÊTÉ - Über die Neutralisierung der Zeit, Ausstellung im Kunstraum Niederösterreich, 2005. KünstlerInnen: Michael Höpfner, Kozek/Hörlonski, Martin Le Chevallier, Dorit Margreiter, Pia Mayer, Barbara Musil & Karo Szmit, Gregor Neuerer                       Kuratorin: Ruth Horak

ARRÊTÉ

Über die Neutralisierung der Zeit

Ruth Horak

 

Die Zeit, d.h. ihre Einteilung in einen Kalender und in durch Uhren messbare Einheiten, war ur­sprünglich nur „ein Mittel der Orientierung […] im Zusammenleben der Menschen“  (Norbert Elias). Im Laufe des Zivilisa­tions­­prozesses hat sich jedoch die Zeit vor allem als Einheit für die Arbeit und als Be­grenzung des eigenen Lebens kon­tinuier­­lich als bestimmen-des Maß etabliert. Die „Eigen­zeit“ steht der öffentlichen, sozialen Zeit gegenüber, die „Gleichzeitigkeit“ der IT-Gesell-schaft drängt auf eine Ökonomisierung der Zeit, während die natürliche, zyklische Zeit nur mehr im Hintergrund steht. Be­stimmen wir die Zeit, oder sie uns?

 

Michael Höpfner ordnet sich der zyklischen Zeit der Natur unter, wenn er allein zu Fuß wochenlang Gegen­den durch-streift, deren Zeit nur jene der Tageszeiten, der Mond­phasen und der Jahreszeiten ist […]

Martin Le Chevallier schickt den Protagonisten seines Films in eine vom Naturgeschehen abgelöste, zer­stückelte, gegen­wärtige, knapp bemessene Zeit, deren Geschwindigkeit er in Form sich überschlagender Er­eignisse darstellt. Aber am Höhe­punkt jeder Episode lässt die Aufmerksamkeit nach, die Zeit hält an, die Handlung stagniert...

Gregor Neuerer hält der Zeit eine Auszeit entgegen, die sich ein Büroangestellter genommen hat – eine Rauch­pause, die aus dem kontinuierlichen Zeitfluss ausge­koppelt scheint. Der kurze Loop One Minute for Yourself (2005), der den Mann immer wieder zur Zigarette greifen lässt, verschärft den Eindruck, dass die Zeit hängen geblieben ist.

Dorit Margreiter, Barbara Musil & Karo Szmit greifen ein­zelne Zeitstücke aus dem linearen Verlauf der Zeit heraus, indem sie vergangene und gegenwärtige Ele­mente in ihren Filmen synchronisieren, Stillstand und Bewegung miteinander verknüpfen und so Zeitspan­nen zurücksetzen.

Pia Mayer richtet sich gleich mehrere Lebenszeiten in Form von parallelen Identitäten ein, aber rückt schließ­lich wieder in Distanz zu ihnen.

Die Gleichzeitigkeit von Geschehnissen an ver­schiede­nen Or-ten der Welt bzw. die Tatsache, wie unter­schied­­lich bei aller Gleichzeitigkeit die politischen Auffassungen von Gesell­schaf-ten sein können, kulmi­niert im Beitrag von kozek hörlon­ski: Die Pendelbewe­gung einer Schaukel, auf der die Künstler liegen, nimmt die Pendelbewegung eines Galgen­stricks, auf dem zwei junge Irakis hängen, auf. So identisch das Zeit-muster seit der Vereinheitlichung auf der Welt sein mag, so divergierend bleiben die Ereignisse.

 

 

Die Zeit lässt sich nicht aufhalten, nicht zurücksetzen und nicht vorstellen, aber sie lässt sich relativieren, manchmal neutralisieren, und auf vielfache Weisen kommentieren.

 

 

ARRÊTÉ

On Neutralising Time

Ruth Horak

 

Time, seen as an entity subdivided into units measu­rable by calendars, clocks etc. was originally just “a means of orientation [...] in the lives of people.”  (Nor­bert Elias ) In the course of the civilisation process, however, time has been increasingly established, above all, as a decisive unit to mea­sure work and to delimit one’s own life. One’s “own time” is viewed as facing the public or social time in an eyeball to eyeball confrontation, while the “simultaneousness” of the IT society pushes for an economisation of time, and natural, cyclical time has been left to linger in the background. Do we determine the nature of time, or does it determine us?

 

Michael Höpfner submits to the cyclical time of nature when, for weeks on end, he roams around alone and on foot through regions whose sense of time is deter­mined solely by the times of the day, the phases of the moon and the seasons of the year.

Martin Le Chevallier sends the protagonist of his new film into just such a kind of time, of the present, di­vorced from nature’s processes, fractured into small pieces, available only in tightly constrained chunks. At the climax of each episode time slows down, the action comes to a stillstand…

Gregor Neuerer challenges time with a time-out, which an office employee has afforded himself taking a “smoko”, which appears to have been dislodged from the flow of time. This short loop One Minute for Your­self (2005), which sees the man picking up his cigarette again and again, reinforces the impression that time seems to have got stuck somewhere.

Dorit Margreiter, Barbara Musil & Karo Szmit pick out in­dividual lengths from the linear progression of time, by synchronising past and present elements in their films, com­bining motion and standstill with one another, thus relocating entire spans of time.

Pia Mayer goes one better by arranging several life­times for herself in the shape of parallel identities, though in the final analysis she reverts to a distanced position again. 

The simultaneous occurrence of events in different places of the world and the realisation that despite all such simulta­neity the political tenets of different socie­ties could hardly be more unalike, culminates in the contribution by kozek hörlon­s­ki: where the pendulum movements of a swing, upon which the artists are laid out, picks up the pendulum swings of a gallows, from which two young Iranians are dangling. As iden­tical as the time patterns of the world may have become ever since the achievement of uniformity, the actual events remain widely divergent.

 

Time cannot be stopped, nor set back, nor moved for­wards, but it can be qualified, sometimes neutralised, and it can be, in many ways, commented on.

 

(translated by Tom Appleton)

 

 

 

 

 

Publikum bei der Eröffnung vor Martin Le Chevalliers "Der Schmetterling", Foto: Lisa Rast
Martin Le Chevallier, Der Schmetterling (Le Papillon), Interaktives Video, 2005, Foto: Lisa Rastl

Der Schmetterling erzählt die Geschi-chte einer Suche nach dem Glück. Jedes mal, wenn der Held sein Ziel er-reicht, geht der Film weiter, aber die Action kommt zum Stillstand. Zu den Klängen der ruhig dahinfließenden Filmmusik, betrachten die Zuschauer das bewegte Bild eines unaufhörlichen Happy Ends. Das scheint der Haupt-figur gerade recht zu sein, auch wenn es für die Betrachter langweilig sein mag. Sie haben im Gegenzug dazu die Möglichkeit, der Langeweile zu ent-kommen, indem sie die Action in Gang setzen. Woraufhin der Held sein Leben kritisch überdenkt und sich auf die Su-che nach etwas Neuem begibt. Er wird Politiker, Priester, Vagabund, und der-gleichen mehr.

 

 

Michael Höpfner, Unfinished Valley I, 2000, Foto: Lisa Rastl

Wenn man in einer überaus dichten Kulturlandschaft wie in Österreich auf-gewachsen ist, wird Menschenleere zu etwas absolut Besonderem. Tagelang auf niemanden zu treffen, wo gelingt das schon? In der Wüste erstrecken sich die Räume ins Unendliche, vielleicht kommt einmal ein Militärposten, sonst aber die längste Zeit nichts, da und dort Pisten, un-merkliche Pfade, vage Verbindungslinien. Du bist immer irgendwo dazwischen.

 

MICHAEL HÖPFNER IM GESPRÄCH MIT CHRISTIAN REDER. In: Gehen, Sehen, Erinnern, Springer Verlag 2004.

 

 

Performance von Kozek/Hörlonski, Foto: Lisa Rastl

„Während wir schaukeln, stricken wir mit Stricklieseln an einem unendlich langen Seil. Die Fäden, an denen sich unser Bild aufspannt verdichten sich hier immer wieder zu Knotenpunkten. Das Warten bekommt mit einer „Materialzeichnung“ eine räumliche Präsenz.“

Hintergrund für diese Arbeit ist die Ges-chichte der beiden jungen Männer Mahmoud Asgari (16) und Ayaz Marhoni (18), die am 19.Juli 2005 im Iran hingerich-tet wurden. Ihr Verbrechen war es, vor zwei Jahren miteinander Sex gehabt zu haben ...

 

 

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ARRÊTÉ - Über die Neutralisierung der Zeit

>Ausstellungskatalog (02.12.2005 – 14.01.2006)

 

ISBN 3-9502078-1-3
63 Seiten
Mit Beiträgen von: Ruth Horak, Norbert Elias,Helga Nowotny

10,00 €

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© Ruth Horak